von Kristina Neumann und Thomas Berghegger
Im Rahmen des „2. Bundesweiten Fernstudientag“ am 28. Februar 2007 stellte sich der Geschäftsführer des Hamburger Instituts für Lernsysteme (ILS) und der Europäischen Fernhochschule, Herr Ingo Karsten, freundlicherweise für ein Interview mit dem Fernschulportal zur Verfügung.
Herr Karsten, inwieweit werden Abschlüsse an Fernschulen oder -universitäten von der deutschen Wirtschaft akzeptiert?
In einer Erhebung, die das ILS kürzlich beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gegeben hat, wurden Personalentscheider in mittleren und größeren Unternehmen dazu befragt, wie sie Fernunterricht und Abschlüsse an Fernschulen beurteilen. Das erfreuliche Ergebnis: Die Vorteile des Fernlernens sind heute nahezu allen deutschen Personalverantwortlichen bekannt. Sie machen dabei keinen großer Unterschied zwischen staatlichen/öffentlich-rechtlichen und institutsinternen Abschlüssen. Die Umfrage hat ergeben, dass für die meisten Personalentscheider in Unternehmen ausschlaggebend ist, ob das erworbene Fachwissen des Bewerbers zum Stellenprofil passt. Wie es erworben wurde und welcher Abschluss dahinter steckt, ist dabei erstmal unerheblich. Immerhin 32 Prozent gaben an, keinen Unterschied zwischen staatlichen/öffentlich-rechtlichen Abschlüssen und institutsinternen Abschlüssen zu machen.
Sehr viele Unternehmen, diese Erfahrung machen wir verstärkt, nutzen die Möglichkeit des Fernstudiums, um ihre eigenen Mitarbeiter weiterzubilden und gezielt zu qualifizieren. Das Tolle ist ja beim Fernstudium, dass man nicht aufhören muss zu arbeiten. Unsere Kunden sind berufstätig und wollen für ihre Weiterbildung nicht ihren Job aufgeben. Ganz ohne Weiterbildung geht es aber heute nicht. Eine Möglichkeit ist, jeden Abend oder jedes Wochenende Präsenzveranstaltungen zu besuchen. Eine andere bietet das Fernstudium. Man bleibt flexibel, kann jederzeit anfangen, und vor allem: man kann dort lernen, wo man Lust hat. Viele unserer Kunden lernen mit ihren Studienheften nicht nur im Wohnzimmer sondern auch auf dem Weg ins Büro in der Bahn, einige sogar im Sommer im Freibad oder am Strand.
Das sind also die Vorteile des Studiums an Fernschulen. Welche Vorteile ergeben sich denn konkret für die Chancen auf dem Arbeitsmarkt?
Der wichtigste Vorteil ist, dass Personalentscheider sagen: Wer sich per Fernstudium weitergebildet hat, hat Eigeninitiative, Engagement und Durchhaltevermögen gezeigt. Er ist in der Lage, sich Sachverhalte selbstständig zu erarbeiten und ist in den Bereichen Zeitmanagement und Organisation talentiert. Diese Fähigkeiten, die so genannten Soft Skills, sind auf dem heutigen Arbeitsmarkt genauso gefragt sind wie die fachlichen Referenzen. Denn welches Unternehmen wünscht sich nicht solche Mitarbeiter?
Kann auch aus dem Ausland am Fernunterricht an deutschen Fernschulen teilgenommen werden?
Ja. Wir sind sogar Fernschule im Auftrag des auswärtigen Amtes für deutsche Kinder im Ausland. Wir haben auf allen fünf Kontinenten zur Zeit rund 680 Kinder oder Jugendliche, die bei uns zur Schule gehen – per Fernunterricht. Das geht natürlich auch bei Erwachsenen. Unsere Kunden sind berufstätig, deshalb sind einige auch oft unterwegs. Das heißt oftmals nicht nur für ein paar Tage im Ausland zu sein, manchmal ist es so, dass sie für drei Monate, ein halbes Jahr oder länger im Ausland tätig sind. Die Studienunterlagen nimmt man dann einfach mit oder lässt sie sich an die ausländische Adresse zusenden. Den Kontakt mit uns hält man dann über das Online-Studienzentrum im Internet. Hierüber versendet man seine Hausaufgaben, stellt Fragen an die Fernlehrer oder kommuniziert mit anderen Studienteilnehmer. Im Prinzip ist es gleich, ob man im Ausland wohnt oder hier in Deutschland. Lediglich zu staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Abschlussprüfungen muss man dann wieder hier her kommen.
Ist es möglich, einen staatlichen Abschluss an einer Fernschule oder Fernhochschule zu machen, wenn man nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt?
Das ist kein Problem. Sie sollten lediglich die deutsche Sprache beherrschen, um unsere Studieninhalte zu verstehen. Wir haben sehr viele ausländische Kunden. Deutsche, die im Ausland leben und Ausländer, die in Deutschland leben und bei uns studieren. Es gibt auch ausländische Mitbürger, die während ihrer Zeit in Deutschland bei uns angefangen haben, dann wieder ins Ausland gehen und von dort aus weiter studieren. An der Euro-FH werden jeden Monat Termine für Präsenzklausuren angeboten. Diese Klausuren kann man an sieben Standorten hier in Deutschland sowie in Wien absolvieren. Es gibt aber auch die Möglichkeit, im Ausland die Klausuren zu schreiben, beispielsweise in Konsulaten oder an Goethe-Instituten. Wir klären mit den Konsulaten alles Wesentliche, unsere Studenten gehen dann dort hin und schreiben unter Aufsicht ihre Klausuren. Diese werden vom Konsulat versiegelt und uns zugesandt.
Wie wird sich die Fernschullandschaft in Deutschland in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir haben seit 1997 einen kontinuierlichen Zuwachs zu spüren bekommen, sowohl an Teilnehmern als auch an Kursen. Wir hatten im Jahr 2000 in rund 150 Fernlehrgängen rund 30.000 Studienteilnehmer, jetzt sind es in mehr als 200 staatlich zugelassenen Fernlehrgängen über 60.000 Teilnehmer - nur beim ILS. Das ist ein Anzeichen dafür, dass der Bedarf steigt. Die Euro-FH ist ebenfalls innerhalb kürzester Zeit, seit dem Start 2003, zu einer Hochschule mit rund 3000 Studenten angewachsen. Ich glaube, diese Entwicklung zeigt, dass immer mehr Menschen feststellen, dass sie mit dem, was sie mal gelernt haben, nicht bis an ihr Lebensende auskommen werden. Ich mag allerdings den Begriff „Lebenslanges Lernen“ nicht, wenn man darunter versteht, dass man sich bis zum Lebensende jeden Abend hinsetzen und lernen muss. Man muss zwar ständig dazulernen. Aber das geht auch direkt im Job und heißt nicht unbedingt, dass man jedes Jahr einen neuen Abschluss braucht. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man sehr genau plant, mit welchem Abschluss man sich für aktuelle und künftige Tätigkeiten qualifiziert. Das kann ein staatlicher Abschluss sein, mit dem man gleichzeitig einen Titel erwirbt. Das können aber auch wichtige Fachqualifikationen sein, mit denen man für Arbeitgeber weiterhin interessant bleibt.
Werden die Fernkurse entsprechend den Entwicklungen im Anforderungsprofil von Arbeitgebern ständig ausgeweitet, so dass aktuell geforderte Qualifikationen auch gleich angeboten werden können?
Das ist für uns der Grund, warum wir an unserer Hochschule mit einem Kuratorium zusammen arbeiten. An der Euro-FH sprechen wir mit Personalleitern großer und auch mittelständischer Unternehmen. Die wissen sehr gut, was auf uns zukommt, was in Zukunft gefordert wird. Und das können wir dann entsprechend umsetzen. Auch unsere Institutsleiter des ILS und deren Autoren haben ihr Ohr immer am Puls der Zeit. Manchmal sind wir der Zeit mit unseren Neuentwicklungen sogar etwas voraus. Der Fernlehrgang Personal Coach war beispielsweise so eine Neuentwicklung. Wir hatten damals festgestellt: Es gibt immer mehr Bedarf bei Führungskräften, ihre Mitarbeiter richtig zu coachen. Die Führungsqualitäten waren oftmals nicht ausreichend. Auf dieser Basis haben wir dann den Personal Coach entwickelt - und dieser Abschluss ist ein echter Renner geworden. Im ersten Jahr – wir haben eigentlich mit 100, 200 Anmeldungen gerechnet – haben sich weit über 1000 Menschen angemeldet. Die meisten waren Führungskräfte, die gesagt haben: „Ich brauche etwas, um meine Mitarbeiter besser zu verstehen.“ Und so gibt es immer wieder neuen Bedarf. Wichtig ist dabei auch, bestehende Fernlehrgänge ständig aktuell zu halten. Die Aktualisierungen fließen bei uns sofort in die Studienunterlagen ein. Bei unseren heutigen Rundgängen durch das ILS und die Euro-FH waren unsere Besucher immer wieder erstaunt, dass wir unsere eigene Druckerei im Haus haben – übrigens die größte Print-on-demand-Druckstraße in Norddeutschland. Aber wie sonst wollen wir ständige Aktualität garantieren?